Markus Eigenmann: «Wir brauchen nicht nur Studierte»

10. November 2025

«Man darf sich von Quoten nicht zu sehr einschränken lassen»: Markus Eigenmann. Foto: Kostas Maros

Der FDP-Kandidat spricht im Interview über das Oberbaselbiet, die Leistungs­bereitschaft der jungen Generation und die Versorgungs­sicherheit im Baselbiet.

Auf den Schultern von Markus Eigenmann lastet viel Druck. Verliert der freisinnige Regierungskandidat in ein paar Tagen gegen Sabine Bucher (GLP), fliegt die FDP aus der Baselbieter Regierung. So weit möchte es der Arlesheimer Gemeindepräsident natürlich nicht kommen lassen, wie er im Gespräch betont.

Herr Eigenmann, Sie haben bisher kein Commitment für ein längerfristiges Engagement in der Bildungs­direktion abgeben wollen. Warum?

Ich schliesse ein längerfristiges Engagement in der Bildungsdirektion überhaupt nicht aus. Fakt ist aber: Wenn man für die Regierung kandidiert, muss man bereit sein, jede Direktion zu übernehmen. Zudem bin ich es als Gemeinderat gewohnt, mich in verschiedene Dossiers einzubringen und sattelfest zu sein. Mich interessiert sehr vieles.

Sie sind Ingenieur. Vom beruflichen Background her wäre die Baudirektion, die seit längerem von Isaac Reber (Grüne) geführt wird, wie gemacht für Sie.

Ach, Sabine Bucher versucht bereits, mich in diese Ecke zu drängen. (lacht) Ich habe mich dahingehend nie speziell geäussert. Von meinem Background her würde mir wahrscheinlich am ehesten die Finanzdirektion oder die Sicherheitsdirektion entsprechen. Aber eben: Ich bin offen, alle Direktionen sind spannend.

Sabine Bucher betont, dass sie mit ihrem Profil perfekt in den Regierungsrat passe. In der Tat sinkt die Frauenquote dramatisch, würden Sie als Mann gewählt.

Das ist eine Momentaufnahme und für mich kein relevantes Argument. Man darf sich von solchen Quoten nicht zu sehr einschränken lassen. Wenn man in dieser Logik denkt, dürfte die FDP nur noch weibliche Kandidaturen bringen. Dabei stellten wir bis anhin die Hälfte aller Frauen in der Baselbieter Regierung.

Bucher ist auch aus dem Oberbaselbiet – Sie nicht.

Ich denke, dass die Herkunft ebenfalls nicht ausschlaggebend ist. Im Regierungsrat muss man das ablegen können, schliesslich wird man von der Gesamtbevölkerung gewählt. Selbstverständlich ist mir aber bewusst, dass unsere Regionen unterschiedlich ticken.

Geben Sie uns ein Beispiel, bitte.

Als ich den Parteitag der SVP in Diegten besuchte, war eine der ersten Fragen, wie es aus meiner Optik um die Landwirtschaft bestellt ist. An vergleichbaren Anlässen in Reinach oder Binningen wäre die Frage kaum gestellt worden.

Fehlt in der Agglomeration der Blick für die Lebens­realitäten im Oberbaselbiet?

Tatsächlich ist das Oberbaselbiet für viele in der Agglo in erster Linie ein Erholungsraum. Das stimmt natürlich überhaupt nicht.

Was dürfen die Wähler der kleineren Gemeinden – gerade im Oberbaselbiet – erwarten, wenn Markus Eigenmann gewählt wird?

Ich bin vorsichtig mit Wahlversprechen. Das ist immer heikel. Aber ich kann gut abschätzen, was die Leute im ganzen Kanton beschäftigt. Mir ist wichtig, dass der ländliche Raum sich selbstständig entwickeln kann. Das ist aktuell nur bedingt möglich, was mit den Strukturen generell zu tun hat, so wie wir im Baselbiet organisiert sind. Es gibt viele Gemeinden und viele Verbünde, die in den Tälern operative Aufgaben verteilt schultern, statt sie gemeinsam zu bündeln.

Sie würden Gemeinde­fusionen bevorzugen?

Es geht nicht per se um Fusionen, sondern um Ressourcen­bündelung.

Viele Leute im Oberbaselbiet wollen doch gar nicht, dass sich etwas ändert, und sie blicken mit Sorge auf die Agglomeration, die sich kaum mehr von der Stadt unterscheidet. Sie haben ja auch daran mitgearbeitet, dass der Medizin­technik­konzern Straumann zurück in den Kanton kommt.

Und was wäre die Alternative? Wer die wirtschaftliche Entwicklung im Kanton nicht will, muss damit rechnen, dass der Gürtel noch viel enger geschnallt werden muss. Dann sähe es düster aus.

Warum?

Die Gebiete, in denen die Wirtschaft floriert, finanzieren die Aktivitäten des Kantons massgeblich mit. Es macht keinen Sinn, sie zu torpedieren. Aber: Ich möchte die verschiedenen Lebensräume im Baselbiet gar nicht gegeneinander ausspielen. Im Gegenteil. Alle haben ihre Stärken, die gilt es herauszustreichen.

Welches Potenzial sehen Sie im ländlichen Raum?

Es besteht das Potenzial, das Oberbaselbiet touristisch und als Wohnort attraktiver zu gestalten. Dazu ist es mir wichtig, im Unterbaselbiet das Verständnis für den ländlichen Kantonsteil zu erhöhen. Jede Schulklasse sollte beispielsweise einmal auf einem Bauernhof übernachten. Am Schluss ist wichtig, dass die Kinder wissen, woher unsere Milch stammt und wie sie produziert wird.

In Ihrem Fünf-Punkte-Plan fordern Sie mehr Autonomie für die Schulen. Haben Sie ein konkretes Beispiel dafür?

Ich würde es begrüssen, wenn wir nicht alle Schulen im Kanton gleichschalten würden. Bleiben wir beim Thema Landwirtschaft: Die Kinder im unteren Baselbiet haben einen anderen Zugang dazu als die im oberen Kantonsteil. Lieber soll jede Schule selbstbestimmt entscheiden, wie sie ihre Schwerpunkte im Lehrplan definiert und die vorhandenen Mittel einsetzt. Ich plädiere für mehr Gestaltungsraum.

Sie finden demnach auch, dass die Schulen selbst entscheiden sollten, ob sie die Noten abschaffen wollen?

Nein, das würde wahrscheinlich zu weit führen. Am Schluss der obligatorischen Schulzeit braucht es die Anschlussfähigkeit zum weiterführenden Bildungssystem.

Fünf Wochen Sommerferien oder spätere Herbstferien: Wie stehen Sie dazu?

Offen. Ich denke allerdings nicht, dass diese Anpassung einen grossen Unterschied macht.

Aus der Wirtschaft hört man auch die Forderung, dass die Ferien an weiterführenden Schulen (WMS, FMS oder Gymnasium) verkürzt werden sollen, um die Attraktivität der Berufslehre zu steigern.

Der Ansatz, ein Angebot zu fördern, indem man ein anderes weniger attraktiv macht, gefällt mir grundsätzlich nicht.

Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, dass die Ferienfrage eine so dominante Rolle einnimmt?

Tut sie das?

Durchaus! Wir fragen anders: Wie nehmen Sie die junge Generation heutzutage wahr? Es heisst ja immer wieder, sie sei weniger leistungsbereit, wolle dafür mehr Ferien.

Diese Tendenz gibt es. Und wir müssen sie ernst nehmen. Es ist vielleicht auch ein Wohlstandsphänomen. Bei uns geht niemand mehr arbeiten, nur um Geld fürs Essen zu verdienen. Das ist eine Herausforderung der heutigen Zeit. Zugleich kann man das nicht verallgemeinern: Ich kenne viele Jugendliche, die sehr engagiert sind – über den Beruf hinaus.

Viele Branchen haben Schwierigkeiten, Lehrlinge zu finden.

Da müssen wir dagegenhalten. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Problem in unserer Region sogar noch ausgeprägter ist. Weil die beiden Pharmariesen Roche und Novartis viele Lehrlinge auf hohem Niveau ausbilden, kämpfen vor allem handwerkliche Betriebe mit Nachwuchssorgen – gerade bei hoch qualifiziertem Personal. Die Anforderungen in vielen Lehrberufen sind mittlerweile sehr hoch. Dabei brauchen wir nicht nur Studierte, sondern auch Handwerker. Und diese verdienen mehr Anerkennung.

Sprechen wir über Energie­politik: Ab 2026 ist im Baselbiet der Ersatz fossiler Heizsysteme in bestehenden Gebäuden verboten. Nun wehren sich Hauseigentümer mit einer Initiative dagegen. Und Sie haben am SVP-Parteitag gesagt, dass Sie dieses Anliegen unterstützen. Warum?

Ich bin absolut für Dekarbonisierung, habe selber bereits vor vielen Jahren meine Ölheizung ersetzt. Hellhörig werde ich allerdings, wenn es um Technologieverbote geht. Das ist nie gut. Es wäre eleganter, das über Lenkungsabgaben zu regeln.

Auch dann gibt der Staat aber im Prinzip vor, was zu tun ist – und was nicht. Als Freisinniger müsste man das doch auch bekämpfen?

Ja, eigentlich schon. Aber die reine Lehre gibt es nun mal nicht. (lacht) Das Gegenargument wäre: Solange wir nicht alle Kosten im Preis abgedeckt haben, bildet der Markt nicht die Realität ab. So oder so ist die Sicherstellung einer ausreichenden Energieversorgung das viel wichtigere Thema.

Warum?

In der Energiepolitik haben wir bis anhin vor allem über den Klimaschutz diskutiert. Aber seit dem Einmarsch von Putin in der Ukraine ist auch die Versorgungssicherheit gefährdet. Im Winter gibt es in Europa immer wieder Phasen, in denen der Strom knapp zu werden droht, weil die Solar- und die Windkraftanlagen praktisch nichts produzieren. Auch im Baselbiet konnten Firmen nicht angesiedelt werden, weil es vor Ort zu wenig Strom gab und die Energieversorger ihn nicht rasch genug mit der notwendigen Leistung zur Verfügung hatten.

Müssen wir uns Sorgen vor einem Blackout machen?

Ich denke, aktuell nicht. Im Baselbieter Führungsstab haben wir alle Szenarien durchgespielt. Wir sind recht gut aufgestellt. Und wir haben aktuell genug Strom, den wir importieren können. Aber: Wir müssen uns schon bewusst machen, dass der Strom nicht mehr ganz selbstverständlich aus den Steckdosen fliesst.

Energieminister Albert Rösti sagte in der «NZZ am Sonntag», dass für ihn kein Weg an einem neuen Atomkraftwerk vorbeiführt.

Für mich ist grundsätzlich klar: Die Politik darf keine Technologievorschriften machen.

Sie haben zuvor angetönt, dass Sie Mitglied im kantonalen Führungsstab und Offizier in der Schweizer Armee sind. Zum Schluss die Frage: Droht in Europa bald wieder ein Krieg?

Ich möchte sicher keinen Alarmismus betreiben. Doch in der Schweiz fühlt man sich schon noch zu wohl. Unsere bestehende Milizarmee muss zunächst einmal voll ausgerüstet werden – immer in der Hoffnung, dass wir das alles gar nicht brauchen. Dazu brauchen wir die Fähigkeit, mit anderen Armeen im Worst Case zusammenzuarbeiten. Konflikte machen nicht mehr an Landesgrenzen halt.

Quelle: baz online