«In der Höhle des Löwen»: Markus Eigenmann stellt sich einer emotionalen SVP-Basis

28. Oktober 2025

Handicap: EU-Frage – Eigenmann muss sich am SVP-Parteitag viel anhören. Foto: Dominik Plüss

Der freisinnige Regierungskandidat besucht den Parteitag in Diegten, um sein Profil bei den konservativen Wählern zu schärfen. Insbesondere die EU-Verträge haben zu reden gegeben.

Am Schluss dieses aussergewöhnlichen Parteitags der Baselbieter SVP gibt es: Applaus. Es ist ein Applaus für Markus Eigenmann, den freisinnigen Regierungskandidaten, der sich an diesem Montagabend im Festsaal des Hofs Mättenbol in Diegten der Basis der Volkspartei stellt, um sie von seiner Unterstützung im zweiten Wahlgang im November zu überzeugen.

Sichtlich gelöst nickt der Arlesheimer dem Publikum zu. Ein scheues Grinsen. Vor ihm sitzen Manne und Fraue, Rentner und ein paar Junge, gutbürgerliche Kost vor sich und ein Bier oder ein Glas Rotwein oder ein Rivella. Der Saal ist rappelvoll, obschon es bereits nach 22 Uhr ist.

SVP-Präsident Peter Riebli übergibt Eigenmann als Dank für den Mut, «in die Höhle des Löwen zu kommen», eine Packung Läckerli – wobei man hier eher von einer Packung «Blocherli» spricht (Inhaberin des Basler Traditionsunternehmens ist die Tochter von Christoph Blocher).

Einige Minuten und ein paar Gespräche später, auf dem Heimweg, sagt Eigenmann, dass er zufrieden mit seinem Auftritt sei. Dass er sich den Abend schlimmer hätte vorstellen können.

Eigenmann spontan angefragt

Tatsächlich ist nicht ganz klar gewesen, was den FDP-Mann erwartet. Noch am Wahlsonntag hat die SVP ihn kontaktiert, ob er spontan Zeit und Musse habe, an der Versammlung vorbeizukommen. Er sagt zu, sofort – obschon ihm Riebli nur kurz nach dem Rückzug der eigenen Kandidatin Caroline Mall die Unterstützung eigentlich bereits zugesichert hat.

Dem Freisinnigen geht es jedoch darum, seine Akzeptanz bei den konservativen Wählern zu steigern. Ihm ist bewusst, dass seine Kandidatur innerhalb der Volkspartei, immerhin der stärksten politischen Kraft im Kanton, durchaus skeptisch beäugt wird. Nach wie vor ist ungewiss, wie euphorisch die SVP im November an die Urne geht.

Das hat allerdings weniger mit Markus Eigenmann als mit dem jüngsten Entscheid der FDP Schweiz zu tun. Dass sich die Delegierten vor ein paar Tagen hinter die neuen EU-Verträge gestellt haben, zählt für die SVP zu den grössten Fehlern der freisinnigen Parteigeschichte. Man ist schockiert, fühlt sich vom bürgerlichen Partner verraten. Nachhaltig.

Es tue «im Herzen» weh, sagt Peter Riebli, dass der Freisinn den «Unterwerfungsvertrag» unterstütze – mehr noch: dass sich die Partei auch gegen das Ständemehr ausgesprochen habe, sei ein Desaster. Der SVP-Mann gehört zu den Politikern, die dieser Tage stets eine rote Hellebarde mit Schweizer Kreuz am Revers tragen, um stilistische Akzente gegen die EU-Verträge zu setzen.

EU-Verträge: «Was labert der?»

Eigenmann hat sich an seinem Anzug nichts angeheftet. Er ist einer, der die neuen Verträge unterstützt. Gleichzeitig sei er kein «glühender Anhänger der EU», sehe durchaus kritische Punkte. Ihm gehe es vor allem darum, «geregelte Beziehungen» zu den Nachbarn zu pflegen.

Als er das sagt, rumort es im Saal: «Was labert der?», ruft eine Dame – «Damit hat er sich disqualifiziert», betont ein älterer Herr.

Viele SVP-Mitglieder, darunter Nationalrat Thomas de Courten und Bundesverwaltungsrichter David Weiss, fragen nach: Was, wenn die Schweiz auf einmal unzählige Regulierungen übernehmen muss? Was, wenn alle wichtigen Errungenschaften des Bundesstaates plötzlich verloren gehen? Föderalismus, direkte Demokratie, Souveränität?

Eigenmann bleibt sich trotz weiterer emotionaler Zwischenrufe treu. Er sagt, dass auch ihm nicht alles gefalle, was in den Verträgen stehe. Doch er gewichte nun einmal anders. «Ich denke, dass die Abstriche, die wir machen müssen, verkraftbar sind.»

Zugleich beruhigt er die Basis, als er erläutert, dass er für das Ständemehr sei. Die Kantone dürften sich nicht unter Wert verkaufen.

Es scheint, als goutiere die SVP das als Kompromiss – wenigstens das. Jedenfalls lenkt Peter Riebli die Debatte später auf lokale Themen. Er sagt: «Wir müssen jetzt zusammenstehen und dafür sorgen, dass dieser Regierungsratssitz weiterhin bürgerlich bleibt. Markus Eigenmann liegt uns am nächsten.»

Auch das, so wirkt es zumindest, versteht die Basis. Bei den SVP-Anhängern (also bei den meisten, die Jungpartei möchte sich zum Beispiel nicht für Eigenmann aussprechen) lautet der Tenor, dass man da jetzt halt einfach durchmüsse. Die Differenzen zu den Grünliberalen und ihrer Kandidatin Sabine Bucher seien schliesslich ja doch um einiges grösser.

«Zusammen» im Regierungsrat

Eigenmann tut ansonsten, was er tun muss. Er streicht die Gemeinsamkeiten heraus. Er macht mehrmals darauf aufmerksam, dass er Oberst in der Schweizer Armee ist. Er betont, dass er die Landwirtschaft gerade im Speckgürtel fördern möchte.

Und die Eigenständigkeit des Baselbiets sei ihm ebenfalls ein Anliegen: Obschon die Beziehung zur Kernstadt Basel verbessert werden müsse, soll sich die Landschaft auf ihre Stärken fokussieren.

Darüber hinaus schiebt er die Kritik an der Gemeindeinitiative, die er zugunsten finanzstarker Gemeinden in Baselland lanciert hat, beiseite. Beim Finanzausgleich werde man gute Lösungen für alle finden, sagt er.

Eigenmann hat verstanden: Auf dem Weg ins Liestaler Regierungsgebäude zählt dieser Anlass zu den wichtigsten, ist der Arlesheimer doch gerade auf die Stimmen der konservativen Wähler im Oberbaselbiet angewiesen, will er das Duell gegen Bucher gewinnen.

So verspricht er etwa auch seine Unterstützung für die Initiative, die verlangt, dass Vorschriften im Bereich der Energiepolitik nur noch auf Gesetzesebene geregelt werden und Änderungen damit immer dem Stimmvolk vorgelegt werden können. Es sind solche Aussagen, die die Volkspartei hören will.

Am Schluss hat die Diskussion sogar noch etwas Versöhnliches, als der Freisinnige sagt: «Es ist höchste Zeit, dass FDP und SVP wieder zusammen in der Regierung vertreten sind.»

Nach dem Applaus gibt man sich die Hand. Eigenmann und Riebli, und alle anderen auch. Es wird angestossen, gelacht. Das ist gelebte Debattenkultur, wie man sie in der Schweiz kennt. Hart, aber trotz allem fair. Darüber sind sich im Festsaal des Hofs Mättenbol in Diegten alle einig.

Quelle: baz online