Was läuft zurzeit schief in der Schule, Herr Eigenmann?
1. Oktober 2025

Foto: Dominik Plüss
Der Arlesheimer Gemeindepräsident will Baselbieter Bildungsdirektor werden. Der FDP-Mann hat aber auch ausserhalb der Schule klare Vorstellungen für den Kanton.
Markus Eigenmann überlässt nichts dem Zufall. Als ihn die BaZ zum Gespräch über seine Ambitionen für die Baselbieter Regierung bittet, macht er sofort einige Vorschläge, wo ihn der Fotograf ablichten könnte. Auf keinen Fall im Büro. Das sei zu langweilig. Dabei befindet sich das Büro des Gemeindepräsidenten von Arlesheim an einem der spektakulärsten Orte des Kantons: direkt am wunderbaren Domplatz.
Weil der Ortskern so schön ist, litt Arlesheim vor einigen Jahren regelrecht unter einem besonderen Ansturm: Die Gemeinde wurde von Hochzeitsgesellschaften gestürmt. «Muss denn wirklich der ganze Kanton bei uns heiraten?», fragte Eigenmann damals leicht verzweifelt. Seit sich Baselbieter Brautpaare auch in Binningen das Jawort geben dürfen, hat sich die Situation entspannt.
Dass seine Gemeinde eine der schöneren ist – und vor allem: dass sie es auch bleibt –, hat Eigenmann in den neun Jahren als Präsident stark in Anspruch genommen. Im Dorf tobte ein gehässiger Streit um die Zonenplanung im Ortskern. Die Gemeinde wollte das historische Zentrum vor Bausünden schützen. Das provozierte viel Widerstand von Hauseigentümern, die sich um Wertverlust und Einschränkungen sorgten. Zwei Anläufe, viele Gespräche und einige Anpassungen benötigten Eigenmann und seine Kolleginnen und Kollegen vom Gemeinderat, bis das Geschäft den Segen der Bevölkerung erhielt.
Doch zurück zum Fototermin: Der 54-Jährige wollte sich lieber an einem Ort treffen, der weniger Widerspruch provoziert – und auf den Eigenmann besonders stolz ist: das boomende Entwicklungsareal Uptown Basel. Hier steht mittlerweile einer der leistungsfähigsten Quantencomputer der Welt. Auf dem Dach des Gebäudes posiert der Politiker etwas verkrampft für den Fotografen.
Straumann-Coup bringt Arlesheim viel Geld
Wesentlich gelöster wirkt er beim Blick auf die Grossbaustelle nebenan: Dort wird bald der Medizintechnikkonzern Straumann einziehen, der seinen Hauptsitz von Basel nach Arlesheim verlegt. An diesem Coup hat er mitgearbeitet: Die Gemeinde hat berechnet, wie viel Steuern Straumann nach einem Kantonswechsel abliefern muss. Für Arlesheim dürften die Finanzsorgen der letzten Jahre damit der Vergangenheit angehören. Reicht es für Steuersenkungen? Eigenmann bremst die Euphorie: «Zuerst müssen wir noch Schulden abbauen.»
Dass Arlesheim, wo überdurchschnittlich viele wohlhabende Menschen wohnen, überhaupt in die roten Zahlen rutschen konnte, ärgert den FDP-Mann. Er beklagt die im Vergleich zum Kanton Solothurn hohe Steuerbelastung: Manche reiche Einwohner hat Arlesheim deshalb bereits an Dornach verloren. Dabei ist Eigenmann selbst ursprünglich Solothurner, aufgewachsen im nahen Hofstetten-Flüh.
Es gibt noch einen Grund für das Defizit: den innerkantonalen Finanzausgleich. Eigenmann hält diesen für unfair, versuchte aber, das Thema auszuklammern. Als Präsident der Interessengemeinschaft der Gebergemeinden hat er eine Gemeindeinitiative lanciert, um die Belastung für die Nettozahler zu reduzieren. Als die BaZ das Thema anspricht, zögert er kurz. Es wird das einzige Mal bleiben. Nicht, weil er die Antwort nicht kennt, sondern weil er im Wahlkampf auf die Stimmen aus dem Oberbaselbiet angewiesen ist – aus den Gemeinden, denen seine Initiative Geld kosten würde. «Das wird immer viel zu verkürzt dargestellt», sagt er. Es sei eine «breit abgestützte» und «legitime» Forderung aus den stadtnahen Gemeinden, die er vertrete.
Baselland profitiert von Boom im Birstal
Für einen Moment klingt Eigenmann, der sonst auf die Kraft rationaler Argumente vertraut, fast schon ein bisschen emotional, trotzig gar. Er wähnt sich in der Defensive. Dann besinnt er sich und rattert die Argumente mit einer beeindruckenden Leichtigkeit herunter. Nur wenige Gemeinden würden effektiv schlechtergestellt, die Differenz ginge zulasten des Kantons. «Am Ende profitieren alle, wenn es den finanzstarken Gemeinden besser geht», sagt Eigenmann. Insbesondere das Birstal sei der Motor des Kantons, den es am Laufen zu halten gelte.
Mit Motoren kennt sich der Ingenieur aus. Er ist Mitinhaber und Geschäftsführer einer Hightechfirma, die Diagnosegeräte für Schiffsmotoren baut. Regelmässig reist der Freisinnige zu den grossen Seehäfen Europas. Rotterdam, Hamburg oder Genua. Orte, die Sinnbild einer brummenden Handelswirtschaft sind. Diese pulsierende Welt will Eigenmann nun eintauschen gegen einen Sitz in der Kantonsregierung. Miefige Klassenzimmer statt eine frische Brise am Meer. «Das Loslassen wird auch ein wenig wehtun.»
Die neue Aufgabe, falls er sich gegen seine Konkurrentinnen Sabine Bucher (GLP) und Caroline Mall (SVP) durchsetzt, wäre für den Vater von vier erwachsenen Kindern eine Rückkehr zu seinen politischen Wurzeln. 2009 wurde er in den Schulrat von Arlesheim gewählt, ein Freund hatte ihn zur Kandidatur motiviert. Seine Kinder, drei Töchter und ein Sohn, waren damals mittendrin im Schulbetrieb. 2012 trat Eigenmann auch zu den Gemeinderatswahlen an und wurde auf Anhieb gewählt. Vier Jahre lang führte er das Ressort Bildung, bevor er Gemeindepräsident wurde.
Bildung sei zu sehr «verakademisiert»
Was läuft zurzeit schief in der Schule, Herr Eigenmann? Der 54-Jährige stört sich daran, dass die Lehrerausbildung zu sehr «verakademisiert» sei. «Die Ansprüche der Eltern gegenüber der Schule sind deutlich gestiegen – gleichzeitig ist die Elternarbeit in der Ausbildung junger Lehrerinnen und Lehrer so gut wie gar kein Thema», beklagt er. Die Berufseinsteiger würden viel zu wenig auf diese Herausforderungen vorbereitet. «Die Kantone können es sich aber nicht leisten, dass junge Lehrer nach einer teuren Ausbildung bereits nach wenigen Jahren den Beruf wieder an den Nagel hängen.»
Der Regierungskandidat plädiert für mehr Föderalismus – auch im Schulbereich. Mehr Wettbewerb in der Bildung? «Warum nicht?», sagt Eigenmann. «Nicht alles muss vereinheitlicht werden.» Er hat mit Sorge zur Kenntnis genommen, dass Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider neue nationale Vorschriften angedroht hat, falls der Kanton Zürich den Französischunterricht in der Primarschule abschafft. «Wir müssen aufpassen, dass wir die Sprachendiskussion nicht verpolitisieren», erwidert Eigenmann.
Das Sprachenkonzept habe ihn bei der Einführung zwar sehr überzeugt. «Mittlerweile müssen wir aber feststellen, dass es die gesetzten Ziele in keiner Weise erfüllt.» Trotz Frühfranzösisch bleibt die Sprachkompetenz in der ungeliebten Zweitsprache bei vielen Schülern bescheiden.
Eigenmann fragt: «Warum nicht mehr Schüleraustausch mit der Westschweiz organisieren?» Er selbst habe erst richtig Französisch gelernt, als er während des Studiums fünf Jahre in Lausanne gelebt habe.
Mit Eigenmann ändert sich die Haltung der Regierung nicht
Für mehr Fairness plädiert Eigenmann bei der Unifinanzierung. Er teilt zwar das Ziel der Gemeindeinitiative, dass Kantone ohne Universität die vollen Kosten für ihre Studierenden übernehmen sollen. Auf keinen Fall will er aber, dass das Baselbiet aus der Uniträgerschaft aussteigt. Zu sehr freuen sollten sich die Basler aber nicht: Mit Markus Eigenmann in der Regierung würde sich die grundsätzliche Baselbieter Haltung in vielen Streitpunkten nicht ändern. «Aber im Atmosphärischen gibt es schon noch Luft nach oben.»
Eigenmann gilt als einer, der gern den Kompromiss sucht. «Er hat nie versucht, als Präsident seinen Willen durchzudrücken», sagt etwa Gemeinderatskollege Peter Vetter. Der SP-Politiker kennt Eigenmann seit vielen Jahren und bezeichnet ihn als «sehr engagiert» und «stets dossierfest». Als langjähriger Gemeindepräsident und CEO mehrerer Unternehmen sei Eigenmann bestens geeignet für ein Amt in der Baselbieter Regierung. «Dort würde er mit seiner vermittelnden Art hervorragend hineinpassen», sagt Vetter, der als früherer Landschreiber selbst unzählige Regierungssitzungen begleitet hat.
Gelingt die Wahl, wird Eigenmann ab 2026 täglich in Liestal sein. Bisher war er eher in Basel als in Liestal anzutreffen. Für die Zukunft hat er schon eine Idee, wie der Weg in «sein» Arlesheim verkürzt werden könnte: mit einem neuen Strassentunnel, der die beiden Kantonsteile verbindet – ohne durch den täglichen Dauerstau vor Basel fahren zu müssen.
Quelle: baz online

